Interview mit Fethullah Gülen zur Lage in der Türkei-Teil1 Das Unrecht

” Das heutige Unrecht übertrifft jenes zu Zeiten der Militärinterventionen “


Nach einer Kampagne der AKP-Regierung gegen ihn und die Hizmet-Bewegung bricht Fethullah Gülen sein Schweigen. Im Interview mit „Zaman” nimmt er Stellung zu Vorwürfen, die durch Regierung und regierungsnahe Medien verbreitet werden. (Foto: cihan)

Lange Zeit hatte sich der in Pennsylvania lebende türkische Islamgelehrte Fethullah Gülen selbst angesichts einer massiven politischen und medialen Kampagne gegen seine Person mit Wortmeldungen zurückgehalten. Die andauernde Schmutzkampagne war von der AKP-Regierung und dieser nahe stehenden Medien lanciert worden, um ihn zum Sündenbock für die Korruptionsaffäre und andere für Ankara unvorteilhafte Entwicklungen zu erklären. Nun meldet sich Gülen zu Wort . DTJ dokumentiert die Antworten Gülens auf aktuelle Vorwürfe, aber Anschuldigungen, die sein Verhalten im Vorfeld des Putsches vom 28. Februar 1997 betreffen.

In letzter Zeit werden viele Lügen und Verleumdungen über ihre Person verbreitet. Verletzende Worte wurden benutzt. Gegenüber diesen Vorwürfen haben Sie geschwiegen?

Natürlich habe ich es sehr bedauert, es hat mich bedrückt. Ich habe es bisher nicht enträtseln können, mit welchem Fundament und welchen Beweisen sie all dies so selbstbewusst in öffentlichen Reden ausgesprochen haben. Selbst Tyrannen oder Nicht-Muslime haben in der Vergangenheit nicht derart abscheuliche Ausdrücke gegen die Gläubigen verwendet. Ich hätte solche Beleidigungen von den betreffenden Leuten nicht erwartet. Ich werde sie nicht als Lügner bezeichnen, da meine persönliche moralische Überzeugung dem keinen Raum gibt. Aber sie leiten die Menschen mit falschen Tatsachenbehauptungen in eine falsche Richtung.

Ich habe mich jedoch damit getröstet, dass in jeder Phase der Geschichte, besonders zu Zeiten des Aufruhrs, Menschen diffamiert wurden, mit der Würde der Gläubigen gespielt wurde, und dass dabei Menschen bewusst oder unbewusst mitgemacht haben, denen nicht bewusst war, was tatsächlich geschieht. Wer sind wir schon? Unsere Mutter Aisha (Anmerkung d. Red.: Aischa war die Ehefrau des Propheten Mohammed) wurde verleumdet.

Bösewichte haben sogar Gott gelästert. In mehreren Stellen geht der Koran auf diese Verleumdungen ein. Es wurde behauptet, Gott habe Kinder oder die Engel wären die Töchter Gottes – dabei ist Gott von all dem weit entfernt. Es gab immer wieder solche ungebührlichen Aussagen über Gott, die mich persönlich verletzten. Und wenn man derlei nun über Gott, seinen Propheten oder den Gottesfreunden gegenüber zu behaupten pflegt, so denke ich mir: „Ist es bei all dem denn so wichtig, dass es auch Menschen gibt, die Lügen über mich verbreiten?” Und so finde ich Trost.

Jeder Mensch handelt entsprechend seinem Charakter. Menschen, die die Begabung zur Tyrannei haben, unterdücken eben. Wenn man keine Zähne zum Beißen hat, kann man eben niemanden beißen. So ist es besser. Sollen sie ihre Grausamkeiten doch fortsetzen, wir jedoch sollten mit Behutsamkeit und Wachsamkeit zu Gott beten, auf dass er denjenigen (der Unterdrücker), die die Fähigkeit und das Potenzial dazu haben, rechtleite, ihnen vergebe und mit ihnen nach seiner Barmherzigkeit verfahren möge. Die Konfrontation mit Komplotten, Verleumdungen und Lügen ist das Schicksal jedes Menschen, der sich diesem Weg verpflichtet hat. Besonnenheit und Weitblick werden aber mit der Zeit dominieren und helfen diese schweren Steine aus dem Weg zu räumen. Kein Komplott, keine Diffamierung hat gegenüber Besonnenheit und Weitsichtigkeit dauerhaft Gültigkeit. Wie gut wäre es doch, wenn diejenigen, die sich in Verschwörungstheorien und Ängsten verlieren, ihren Weg erneut im Lichte des Koran und der Sunnah des Propheten überdenken und überprüfen würden.

Reichen die folgenden Verse Fuzulis aus, um ihre aktuelle Situation zu beschreiben: „Untreu der Freund, rücksichtslos das Schicksal. Des Leides ist viel, der Anteilnehmenden sind wenige. Der Feind ist gewaltig, das Glück ist schwach.”?

Fast alle unserer Freunde haben ihre Treue bewahrt. Trotz des massiven Gegenwindes gab es aufseiten unserer Freunde fast keine Erschütterungen, fast niemand hat mit uns gebrochen. Das Herz wünscht sich natürlich, dass jeder entsprechend seines Amtes und seinen Möglichkeiten entsprechend handelt. Manchmal erfüllt sich diese Erwartung aber leider nicht. Ich weiß nicht, ob wir einen Anspruch darauf haben, zu erwarten, dass unsere alten Freunde im Namen der Gerechtigkeit zu der aktuellen Situation Position beziehen. Aber lassen Sie mich jedoch eines sagen: Einigen Menschen hätte mehr erwartet, als dass sie lediglich in guten Zeiten Freunde sind.
Es gab einmal jemanden, der einst gesagt hatte, dass er dazu bereit wäre, für meine Wenigkeit sein Leben zu geben. Nach der Militärintervention vom 12. März 1971 waren wir im Gefängnis. Nach der Entlassung waren wir mit der Gründung des Studentenwohnheims in Bozyaka (Izmir) beschäftigt. Ich sagte: „Lass uns dies noch fertigstellen.” Er aber meinte dann: „Ich will mit dem Vorhaben nichts zu tun haben.” Wichtig ist, sich in solch schwierigen Phasen nicht erschüttern zu lassen. Jeder handelt seinem Charakter entsprechend. Wir sollten nicht gekränkt sein und uns aufregen. Denn spätestens im Jenseits wird deutlich werden, wer beschämt seinen Kopf senken wird. Um des Jenseits willen ertragen und erdulden wir all das. Wir streben nach dem ewigen Leben nach, deswegen lohnt sich der Blick auf das Weltliche nicht.

Die ganze Welt soll wissen, dass wir persönliche Beleidigungen und Verleumdungen vergeben. Jedoch werden auch heilige und religiöse Werte angegriffen. Diese zu vergeben liegt nicht in meiner Hand. Diese Rechenschaft ist vor einer höheren Macht abzulegen. Der eine oder andere kann dann in unerwarteter Form die Konsequenzen seines Unrechts erfahren.

Sie sind eines der wichtigsten Opfer des postmodernen Putsches vom 28. Februar 1997. Sie wurden damals nach einer beispiellosen Medienpropaganda angeklagt und der Gerichtsprozess dauerte 8 Jahre. Eine Gruppe, die ihr Dasein einzig durch die Gegnerschaft zu Ihrer Person legitimiert, behauptet sie hätten den postmodernen Putsch unterstützt. Und baut auf diese These neue Ungerechtigkeiten auf. Werden bei Ihnen Erinnerungen wach?

Derartige Bedrängnis und Unterdrückung haben wir in der Vergangenheit mehrmals erlebt. Auf der Basis des Militär-Memorandums vom 12. März 1971 saß ich auf Grund der Anklage, „den Staat zu unterwandern”, 6 Monate lang im Gefängnis. Bis der damalige Ministerpräsident Turgut Özal den Paragraphen 163 des türkischen Strafgesetzbuches aufhob, fungierte dieser für die gläubigen Muslime lange Zeit wie eine Guillotine. Nach dem Militärputsch vom 12. September im Jahre 1980 wurde ich sechs Jahre lang wie ein Verbrecher verfolgt. Staatliche Repressionen auf gläubige Muslime waren an der Tagesordnung. Unsere Freunde wurden bedrängt. Unter Verfolgung, Druck und staatlicher Beobachtung zu leben, war unser Lebensalltag. Das, was wir heute durchmachen, übertrifft das Unrecht zu Zeiten der Militärintervention um das Zehnfache.

Trotz allem beschwere ich mich nicht. Heute sind wir ähnlichen Behandlungen ausgesetzt. Dieses Mal aber von einer zivilen Regierung, mit deren Mitgliedern wir, die gleiche Gebetsrichtung teilen, so waren wir überzeugt. Dies fügt uns natürlich zusätzlichen Schmerz zu. Das einzige, was wir nun aber tun können, ist Geduld zu üben und uns mit der Gewissheit zu trösten: „Auch dieses Leid wird vergehen, oh Allmächtiger.”

Ich habe alles versucht, die antidemokratischen Handlungen des 28. Februar zu verhindern

Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie den damaligen Premierminister Necmettin Erbakan kritisiert und sich somit auf die Seite der Putschgeneräle vom 28. Februar gestellt hätten…

Nachdem die Refah Partisi (dt. Wohlfahrtspartei – Anmerk. d. Red) von Erbakan als Sieger aus den Parlamentswahlen hervorgegangen war, reagierten die türkischen Streitkräften (TSK) mit Argwohn, den heute noch jeder bezeugen kann. Die Wolken hatten sich am Horizont aufgetürmt, aber der Sturm war noch nicht losgebrochen. Ich kann mich an Gespräche mit den Journalisten Fehmi Koru, Fatih Çekirge und dem mittlerweile verstorbenen Yavuz Gökmen erinnern. Ich habe mit mit ihnen über meine Sorgen bezüglich der damaligen prekären Situation gesprochen. Die niveaulose Kritik in diesem Zusammenhang ist unberechtigt. Auch andere Personen sahen die Gefahr kommen.

Nach dem Susurluk-Skandal haben manche Kräfte die Proteste in der Bevölkerung zu ihren Gunsten missbraucht und der postmoderne Putsch war unaufhaltsam. Als der Putsch in die Tat umgesetzt wurde, war es schon zu spät. In dem Susurluk-Bericht des türkischen Geheimdienstes (MIT) wurde in letzter Sekunde auch mein Name hinzugefügt. Obwohl ich im Nachhinein erfahren habe, wer dafür verantwortlich ist, habe ich nie schlechte Absichten gegenüber gläubige Menschen gehegt.

Kurz darauf erlebten wir den postmodernen Putsch vom 28. Februar 1997. Im zweiten Paragraf des dazugehörigen Putschmemorandums war vorgesehen, dass die Schulen im Rahmen des „Gesetzes der Vereinigung der Bildung” verstaatlich werden sollten. In dieser politisch sehr angespannten Zeit habe ich mich, wie viele andere auch, für vorgezogene Parlamentswahlen und eine Änderung des Wahlgesetzes ausgesprochen. Ich sah darin einen Ausweg aus der Krise, mit möglichst geringem Schaden für unser Volk. Korkut Özal war ebenfalls für diesen Weg. Es gab auch Persönlichkeiten, die die damalige Koaltionsregierung von Erbakan und Çiller zwar unterstützten, sich aber gleichzeitig für Neuwahlen ausgesprachen.

Wenn man in Zeitungsarchive schaut, wird man nachverfolgen können, wer damals wann was gesagt und geschrieben hat.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Ich habe die Putschsituation mit dem damaligen Arbeitsminister Necati Çelik erörtert. Der damalige Herausgeber der Zeitung “Zaman”, Aladeddin Kaya, und Melih Nural waren bei diesem Gespräch dabei. Ich sagte Çelik damals, dass die Militärs den Plan hegten, die Regierung zu beseitigen. Ich habe alles in meiner Macht stehende versucht, um einem antidemokratischen Prozess (des Militärs) entgegen zu wirken. Der Arbeitsminister Çelik nahm meine Besorgnis aufmerksam und erregt zur Kenntnis. Er hat wohl über unser Gespräch mit Ministerpräsident Erbakan gesprochen. Jedoch sah man allem Anschein nach keine Notwendigkeit, den bevorstehenden Maßnahmen des Militärs etwas entgegen zu setzen.

Ich habe auch versucht, Frau Tansu Çiller von der sich anbahnenden Gefahr zu warnen und teilte auch ihr meine Befürchtungen mit. Als Frau Çiller zu mir lediglich antwortete, wir sollten uns alle besonnen verhalten, war ich sehr enttäuscht.

Es liegt nicht in meiner Natur jemandem zu sagen: „Ihr wart unfähig.” Ich bemühe mich um einen respektvollen Umgang mit jedem Menschen. Jedoch genießen die Vertreter des Volkes in meinen Augen einen besondere Respekt. Ich habe in diesen schwierigen Tagen Beispiele aus der Geschichte hervorgehoben und versucht darzulegen, dass ein Regierungsverzicht nicht zwangsläufig als Zeichen der Schwäche gewertet werden darf. Wenn solch ein unvermeidlicher Verzicht zum Wohle des Volkes ist und hilft andere Komplikationen zu vermeiden, so sollte man dies tun. Das gleiche gilt für die Staatsstreiche vom 27. Mai 1960 und vom 12. Dezember 1980. Die AKP hat genau dies nach dem E-Memorandum vom 27. April 2006 befolgt, Neuwahlen ausgerufen und dadurch die Gefahr abgewendet. Auch beim postmodernen Putsch vom 28. Februar 1997 hätte einen Rücktritt der Erbakan-Regierung mit anschließenden Neuwahlen schlimmeres verhindert.

Und noch eines sollte hier nicht unerwähnt bleiben: Wenn man den damaligen Susurluk-Bericht und das Memorandum des 28. Februar richtig betrachtet, erkennt man, dass das eigentliche Ziel der Militärjunta die Hizmet-Bewegung war. Alles, was wir danach erlebt haben, bezeugt dieses. Das Gegenteil zu behaupten, wäre nicht gerecht und würde der Realität widersprechen.

Alles, was man nicht erklären kann, schiebt man reflexartig auf die „Hizmet-Bewegung”

Bei unserem letzten Gespräch sagten Sie, dass Sie die Vorwürfe gegen die Hizmet-Bewegung, sie strebe die Kontrolle über den Istanbuler Traditionsverein Fenerbahçe an, schwer nachvollziehbar und absurd fänden. Wie bewerten sie diese Vorwürfe im Lichte der aktuellen Ereignisse?

Fenerbahçe ist einer der herausragendsten Vereine des Landes. Ich beobachte, dass sich der Vorstand, die Zuschauer und die Anhänger sehr solidarisch verhalten. Das ist vorbildlich. Wer sollte sich davon gestört fühlen? Vor Jahren habe ich mich auch über den Erfolg von Galatasaray im Europapokal sehr gefreut. Auch den anderen Klubs wie Beşiktaş, Trabzonspor und anderen Klubs wünsche, dass sie ihren bereits erlangten Erfolgen neue hinzufügen können und auch international Ansehen erlangen. Welche Absicht könnte eine Übernahme von Fußballvereinen wie Fenerbahçe oder Galatasaray erklären, außer politisches Kalkül. Alles, was vor der türkischen Öffentlichkeit nicht zu rechtfertigen ist, wird der Hizmetbewegung in die Schuhe geschoben. So hat es sich herausgestellt, dass auch dies nur eine Verleumdung war.

“Kumpas” war eine List

Momentan finden umfangreiche Entlassungen von Strafgefangenen, vor allem von Angeklagten und Verurteilten im Ergenekon-Prozesses statt. Wie bewerten Sie das?

Wir sind auf der Seite des Rechts und des Gesetzes. Die Behauptung der AKP-Regierung, man hätte den Angeklagten im Ergenekon-Prozess lediglich eine Falle (Kumpas) gestellt, war eine List. Sie haben versucht, ihre eigenen Vergehen der Hizmet-Bewegung in die Schuhe zu schieben. Es gibt Fälle, bei denen die Regierung für Einzelpersonen Gesetze durch das Parlament gebracht hat. Dieselbe Sensibilität hätte sie doch auch im Bezug auf die Ergenekon-Angeklagten an den Tag legen können.

Eine Entlassung ist das eine, der laufende Prozess das andere. Die Verfahren gegen die Angeklagten sind nicht abgeschlossen. Die Entscheidung des Gerichts muss man respektieren. Wir waren immer auf der Seite des Rechts und der universellen Werte. Wir werden es auch bleiben. Auch in schwierigsten Zeiten.

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