Gülen über Frauen und die Stellung der Frauen innerhalb der Bewegung

„Die Hälfte der Menschheit, die der anderen erst Sinn gibt”

Fethullah Gülen hat sich stets umfangreiche Gedanken darüber gemacht, wie sich die Gleichberechtigung der Frau im Islam auch in den Reihen der von ihm inspirierten Freiwilligenbewegung besser abbilden könnte.

Viele Angehörige, aber auch kritische Beobachter der Gülen-Bewegung, kennen die Aussagen des Gelehrten zum Thema Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Frau. Er betonte immer wieder, dass Frauen jene Hälfte der Menschheit wären, die der anderen erst einen Sinn gäbe.1 Lässt sich aber nicht dennoch eine ausgeprägte Passivität der Frauen innerhalb der Gülen-Bewegung beobachten? Wenn für Gülen Frau und Mann zwei Hälften eines Ganzen sind, wieso sind dann Männer in dieser „Bewegung der Freiwilligen und Ehrenamtlichen”, wie sich die von Gülen inspirierte Bewegung nennt, dennoch aktiver als Frauen? Sind für Gülen Mann und Frau überhaupt gleich?

Um dieser Frage nachzugehen, sollen hier Auszüge aus unterschiedlichen Interviews, der empirischen Studie Helen Rose Ebaughs und Textstellen aus Gülens Werken zusammengefasst werden.

So bemerkt Gülen etwa in einem Interview, das Thema „Frauenrechte” wäre sehr umfangreich.

Es falle ihm schwer, sich hierzu im gegebenen Rahmen kurz zu fassen und diesen nicht zu sprengen. „Einerseits machen wir heutzutage keinen Unterschied mehr zwischen Mann und Frau. Andererseits gibt es sowohl physische als auch psychische Unterschiede zwischen ihnen”,2 so der Gelehrte.

„Frau und Mann ergänzen sich”

Wenn es bei Gülen um Mann und Frau geht, geht er auch von einem bestimmten Wesen dieser aus: „Meiner Meinung nach sollten Männer und Frauen wie zwei Seiten einer Wahrheit, zwei Seiten einer Medaille sein. Frauen sind ohne Männer nichts, und Männer sind ohne Frauen nichts; zusammen wurden sie erschaffen. Aus diesem Grunde wurde Adam eine Gefährtin zur Seite gestellt. Mann und Frau ergänzen einander”3, sind Worte Gülens, die es deutlich außer Frage stellen, inwiefern überhaupt Mann und Frau als ungleich zu betrachten wären.

Ein hoher Stellenwert wird von ihm hingegen der Gleichberechtigung und der Gleichwertigkeit zwischen Frau und Mann zugemessen. Dabei beruft er sich auf den Koran: „Kein Mann kann ohne Frau und keine Frau kann ohne Mann existieren, sie wurden gemeinsam geschaffen.”4 Gülen betont, dass „in den Köpfen vieler Menschen, unter anderem auch jener selbst ernannter Verteidiger von Frauenrechten und vieler Männer, die sich als Muslime bezeichnen, Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Für uns ist die Frau Teil eines Ganzen – eine Hälfte, die der anderen Hälfte erst einen Sinn gibt.”5

Gülen glaube laut eigener Aussage in seinem Werk „Muhammad: Der Gesandte Gottes”, dass die wahre Einheit eines Menschen immer dann zutage trete, wenn diese beiden Hälften zusammenfänden. Solange diese Einheit nicht existiere, würden auch „die Menschheit, die Prophetenschaft, der Stand der Heiligen, ja selbst der Islam nicht existieren.”6

„In den Grundprinzipien des Islam gibt es keinen Unterschied zwischen Frau und Mann”

Auf die Frage des Journalisten Rainer Hermann von der F.A.Z., ob für Gülen Mann und Frau gleich seien, antwortet Gülen, dass die Frau im gleichen Maße wie der Mann eine freie und eigenständige Persönlichkeit sei. „Ihre Weiblichkeit hebt keine der Qualifikationen auf, die sie besitzt, verengt sie auch nicht. Wenn eine ihrer Rechte berührt wird, kann sie, wie die Männer, ihre Rechte einfordern. Besitzt sie, was jemand anderes hält, kann sie es zurückholen. Muslime unterschiedlicher Völker hatten ihren historischen Erfahrungsschatz mit dem Kleid des Islam gekleidet, sie präsentierten ihre Gewohnheiten und Traditionen, als gehörten sie zu den Grundlagen der Religion. In dieser Richtung gab es auch einige theologische Gutachten, Idschtihads. So wurden die Rechte der Frau veräußert, von Tag zu Tag wurde sie in einen immer engeren Bereich gedrängt und sie wurde, ohne zu erfassen, worauf das Ganze hinausläuft, in einigen Gebieten sogar ganz aus dem Leben ausgeschlossen. Einen Unterschied der Frau zum Mann gibt es bei keinem der Themen, die die Grundprinzipien des Islam betreffen – etwa bei der Glaubens- und Meinungsfreiheit, den Besitz- und Verbraucherrechten, der Gleichheit vor dem Gesetz, dem Recht auf eine gerechte Behandlung vor dem Gesetz, dem Recht auf Heirat und der Gründung einer Familie, dem Recht auf Intimität und die Unantastbarkeit der Privatsphäre. Wie bei Männern stehen auch ihr Besitz, Leben und ihre Sexualität unter Schutz. Wer das verletzt, dem drohen schwere Strafen.”7

„Frauen sind aus der Partizipation nicht wegzudenken!”

Was die Rollenzuschreibungen von Frau und Mann im Islam angeht, sieht Gülen keinen Grund, Frauen aus dem Engagement im sozialen Leben oder von der Teilhabe am politischen Leben wegzudenken: „In der sozialen Atmosphäre muslimischer Gesellschaften, die nicht von den Sitten unislamischer Traditionen ,verunreinigt’ sind, nehmen die Frauen am alltäglichen Leben teil. In der Frühzeit des Islam beispielsweise führte Aischa, die Frau des Propheten, ein Heer an. Außerdem fungierte sie als religiöse Gelehrte, deren Ansichten jedermann akzeptierte.

Frauen beteten in den Moscheen mit den Männern gemeinsam. Selbst eine alte Frau konnte dem Kalifen in der Moschee in einer Rechtsfrage widersprechen. Noch im Osmanischen Reich des 17. Jahrhunderts zollte die Frau eines britischen Botschafters den Frauen Anerkennung und rühmte voller Bewunderung ihre Bedeutung in Familie und Gesellschaft”8, teilt Gülen mit.

Helen Rose Ebaugh, Professorin für Religionssoziologie und Erforschung der Weltreligionen an der University in Houston, die eine empirische Studie über die Gülen-Bewegung schrieb, nahm ihre Vorwürfe, Frauen stünden in dieser Bewegung eher im Hintergrund9, zurück, nachdem sie zur Vorstellung ihrer empirischen Studie über die Gülen-Bewegung durch Deutschland gereist war10. Und das, obwohl sich Gülen selbst immer noch nicht zufrieden zeigt mit dem Grad der Repräsentanz von Frauen in Entscheidungspositionen innerhalb der Bewegung. Er ermuntert in seinem Interview mit Rainer Hermann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6.12.2012 Frauen zu noch mehr Teilhabe am sozialen Leben. Gülen bedauert die mangelnde Partizipation der Frauen innerhalb der Bewegung: „Auch wenn wir diesbezüglich im Vergleich zu früher enorme Wege zurückgelegt haben, ist die Partizipation der Frauen in der Gesellschaft und in der Bewegung nicht dort, wo sie sein müsste. Sie hat das gewünschte Niveau nicht erreicht.”11

„Die Rolle der Frau ist nicht auf das Häusliche beschränkt”

Allgemein sagt Gülen, dass „die Rolle der Frau nicht auf die Beschäftigung zu Hause und auf das Großziehen der Kinder beschränkt ist. Die Frau im Islam gehört zu den Themen, die im Westen negativ und am häufigsten behandelt werden. Der Grund ist, dass die Muslime Dinge praktizieren, die den Grundwerten des Islam widersprechen. Einiges, was negativ erscheint, muss man im Zusammenhang mit den Bedingungen der jeweiligen Epochen und Staaten bewerten. Zudem herrschen in einigen Regionen und Gesellschaften weiter Gewohnheiten und Traditionen, die es vor dem Islam gegeben hat und die weitergeführt werden. Das dem Islam anzurechnen, ist nicht richtig. Für die islamische Religion ist es aber niemals zulässig, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihren Handlungsspielraum einzuschränken. Die Muslime missachten dies leider. Ein grobes Verständnis und ein plumpes Denken haben damit das System zerstört, welches auf der gegenseitigen Hilfe von Mann und Frau sowie auf dem gemeinsamen Teilen aufgebaut war. Mit dieser Zerstörung wurden auch der Familienfrieden und die gesellschaftliche Ordnung zerstört.”12

Insgesamt bedauert es Gülen, dass Frauen „nur allzu oft als Objekte der Begierde, als Mittel zur Unterhaltung oder als Werbematerial missbraucht werden.” 13Aber laut Gülen bergen selbst solche Phasen der Dunkelheit auch Aussichten auf Wendepunkte in sich, die den Frauen helfen würden, sich zu erneuern und ihr wahres Wesen zu erkennen: „Ähnlich den Tagen, die auf Nächte folgen”14 – so die den Frauen Hoffnung gebenden Worte Gülens.

 

Elif Soyer, Heidelberg

 

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1- Gülen: The Messenger of God, Muhammad: An analysis of the Prophet’s life. Übersetzung von Ali Ünal: Muhammad: Der Gesandte Gottes, New Jersey 2005, S. 162.

2- Ertugrul Özkök: Hocaefendi Speaks; übersetzt aus: Hürriyet, 23.-30.01.1995

http://www.dialog-berlin.de/Von-Fethullah-G%C3%BClen/guelen-ueber-frauen-und-frauenrechte-im-interview-fuer-huerriyet.html [Stand: 14.03.2013]

3- Ertugrul Özkök: Hocaefendi Speaks;

4- Vgl. Robert A. Hunt, Yüksel A. Aslandogan: Unsere Mitbürger. Muslime in der Postmoderne. Frankfurt am Main 2012. S.

5- Gülen: The Messenger of God, Muhammad. S. 162 und vgl. Hunt; Aslandogan: Mitbürger. S. 192f.

6- Vgl. Hunt; Aslandogan: Mitbürger. S.193.

7- Vgl. Rainer Hermann: Prediger Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch. „Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch”. Reportage vom 06.Dezember 2012: http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/prediger-fethullah-guelen-im-f-a-z-gespraech-islam-und-moderne-stehen-nicht-im-widerspruch-11983556.html, [Stand: 31.März 2013]

8- Ertugrul Özkök: Hocaefendi Speaks

9- Vgl. Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung. Eine empirische Studie. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, S. 217f.

10- Vgl. Elif Soyer: Lob an die Gülen-Bewegung, Mannheim, 31.März 2012. http://elifsoyer.blogspot.de/2012/03/berichtikus.html, [Stand 31.März 2013].

11- Vgl. Rainer Hermann: „Islam und Moderne stehen nicht im Widersprich”.

12- Vgl. Rainer Hermann: Prediger Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch. „Islam und Moderne stehen nicht im Widersprich”. Reportage vom 06.Dezember 2012.

13- Gülen: Perlen der Weisheit. Mörfelden-Walldorf. 2005. S. 71.

14- Gülen: Perlen der Weisheit. S. 71f.

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