Gülen in der Le Monde: Bereit in die Türkei zu kehren, wenn sich nur ein Zehntel der Anschuldigungen bewahrheitet

Im Folgenden finden Sie die Deutsche Übersetzung des Gastbeitrags von Fethullah Gülen in der französishen Tageszeitung Le Monde. Der Beitrag ist dort am 11.08.2016 erschienen.

 

Die Türkei hat mit dem Putschversuch in der Nacht des 15. Juli seine größte Katastrophe der jüngsten Vergangenheit erlebt und sie wäre dabei beinahe von der Klippe zu stürzen. Was man in jener Nacht erlebte, kann man mit aller Schärfe als “Terrorputsch” bezeichnen. Alle Teile der türkischen Bevölkerung, die militärische Interventionen als etwas in der Vergangenheit gebliebenes wussten, haben eine geschlossene Haltung gegen den Putschversuch bewiesen und somit Rückhalt zur Demokratie ausgestrahlt. Auch ich habe diesen Putschversuch, noch während er geschah, offen und klar verurteilt.

Bereits 20 Minuten nach Beginn dieses hinterlistigen Putschversuchs, bevor überhaupt die Täter dahinter bekannt wurden, hat Herr Erdoğan meine Person beschuldigt. Dass der Täter so schnell bekannt gemacht wurde, bevor Details über den Tathergang ans Licht kamen, bevor man überhaupt wusste, wer dies aus welchem Grund getan hatte, ist fragwürdig. Als jemand, der in den vergangenen 50 Jahren unter vielen Militärputschs leiden musste, ist es verletzend, mit so einem Versuch in Verbindung gebracht zu werden. Diesen Anschuldigungen widerspreche ich entschieden.

Ich habe seit 17 Jahren, aus eigenem Willen, ein zurückgezogenes Leben in einem kleinen Dorf in den USA. Die Vorstellung, dass ich die achtgrößte Armee der Welt aus 10.000 km Entfernung überzeugt hätte, gegen die eigene Regierung zu putschen, ist weit entfernt von jeglicher Glaubwürdigkeit. Schließlich hat dies auch keine Anerkennung in der Weltöffentlichkeit gefunden. Falls es Teilnehmer unter der putschistischen Junta gibt, die sich selbst als ein Sympathisant der Hizmet-Bewegung definieren, so haben diese Menschen aus meiner Sicht, durch ihre Teilhabe an einem Versuch, bei dem die eigenen Bürger ums Leben kommen mussten, Verrat an der Einheit und Gesamtheit des Landes begangen, die von mir während meines ganzen Lebens verteidigten Werte verraten und zudem verursacht, dass Hunderttausende unschuldige Menschen geschädigt wurden.

Falls es einzelne gibt, die von der Interventionskultur einer bestimmten Gruppe innerhalb des Militärs beeinflusst worden sind und diese Reflexe vor die Werte von Hizmet gestellt haben, auch wenn ich daran nicht glaube, kann für deren Fehler nicht die gesamte Bewegung verantwortlich gemacht werden.Ich überlasse sie Allah.

Keiner, einschließlich mir, steht über dem Recht. Ich wünsche, dass die Verantwortlichen dieses Putsches, egal welcher Gruppierung sie angehören, nach einem fairen juristischen Prozess ihre verdiente Strafe erhalten. Da das türkische Rechtswesen im Oktober 2014 unter politische Bevormundung geraten ist, ist die Wahrscheinlichkeit eines fairen Strafprozesses gering. Aus diesem Grund habe ich dutzende Male erklärt, dass ich in diesem Zusammenhang für die Einrichtung einer internationalen Kommission bin und dessen Urteil auch Folge leisten werde.

Die Anhänger der Hizmet-Bewegung waren seit 50 Jahren in keinem einzigen Gewaltakt involviert. Selbst als sie die letzten drei Jahre, um es mit den Worten Erdogans zu sagen, einer „Hexenjagd“ ausgesetzt waren und immer noch sind, gingen sie weder auf die Straßen, noch haben sie sich gegenüber den Sicherheitsbeamten aufgelehnt. Die Hizmet-Bewegung wird seit 3 Jahren einer systematischen Hasskampagne und staatlicher Gewalt ausgesetzt, wohingegen sie sich stets an die Gesetze gehalten und sich mit rechtlichen Mitteln verteidigt haben.

Seit drei Jahren bemühen sich sämtliche Sicherheits- und Rechtskräfte des Landes, um die ihrerseits aufgestellte Behauptung eines Parallelstaates, welches meinerseits kontrolliert werde, bisher in der Geschichte der türkischen Republik unerhörter Form aufzudecken. Die Regierung bewertete die Ermittlungen im Korruptionsskandal von 2013 als einen Putsch, durchgeführt durch meine Sympathisanten in der Bürokratie, und ließ deshalb auch 4000 Menschen verhaften, Zehntausende aus dem Amt entlassen und hunderte Institutionen und Firmen unrechtmäßig enteignen. Sie konnten jedoch trotzdem keinen einzigen Beweis hierzu vorlegen. Während noch im Mai 2013 ein Treffen mit mir für den damaligen Ministerpräsidenten als eine segensreiche Sache zum Ausdruck gebracht wurde, änderte die selbe Person sein Mundwerk nach dem Korruptionsskandal und plötzlich wurden die Anhänger der Hizmet-Bewegung zu Assassinen, blutsaugenden Vampiren und Ziel weiterer hasserfüllter Aussagen und Vorwürfe.

Diese Angriffe nahmen nach dem verräterischen Putschversuch am 15. Juli eine unerträgliche Form an. Die türkische Regierung beschreibt mich und die Hizmet-Anhänger als ein systematisch zu „vernichtendes Virus und Krebsgeschwür“. Hundertausende Individuen, die Hizmet-nahe Vereine und Institutionen unterstützten, werden als Unmenschen bezeichnet. Diese Menschen werden von ihrem Hab und Gut enteignet, ihre Bankkonten gesperrt und ihre Reisepässe für ungültig erklärt und somit die Ausreise ins Ausland verhindert. Als Resultat einer erschreckenden Hexenjagd erleben hundertausende Familien eine belastende menschliche Tragödie. Die Medien berichten, dass 90.000 Menschen entlassen und 21.000 Lehrern die Lizenz entzogen wurden. Will die Regierung diese Menschen, die ihren Beruf nicht ausüben können und Ausreiseverbot haben, zum Verhungern verdammen? Welchen Unterschied hat diese Vorgehensweise zum „Völkermord“ in der europäischen Geschichte?

Ich habe die gesamte Putschgeschichte der Türkei erlebt und musste wie das türkische Volk unter allen Putschen leiden. Nach dem Putsch am 12. März 1971 wurde ich vom Junta-Regime ins Gefängnis gesteckt. Nach dem Putsch am 12. September 1980 hat man ein Haftbefehl gegen mich erlassen und ich musste sechs Jahre lang auf der Flucht leben. Nach dem militärischen Putsch am 28. Februar hat man mich mit dem Vorwurf angeklagt, ich sei eine “unbewaffnete EIN-MANN Terrororganisation”. Gefordert wurde die Todesstrafe. In den Zeiten der militärischen Unterdrückung wurde ich drei mal als “Führer einer Terrororganisation” angeklagt. Ich wurde in allen Anklagepunkten freigesprochen. Damals wurde ich vom autoritären Militärregime zur Zielscheibe gemacht und heute werde ich von einem autokratischen Zivilregime mit denselben Vorwürfen beschuldigt.

Ich habe in der Vergangenheit zu Herrn Turgut Özal, Herrn Süleyman Demirel und Bülent Ecevit, also zu den verschiedensten politischen Persönlichkeiten , freundschaftliche Beziehungen aufgebaut. Ich habe ihre richtigen Taten gewürdigt und unterstützt. Sie haben mich wegen des besonderen Beitrags der Hizmet-Bewegung in der Bildung und den Beitrag für das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft respektvoll behandelt. Vom politischen Islam habe ich mich schon immer distanziert, aber dennoch habe ich die demokratischen Reformen von Erdoğan und der AKP in ihrer Anfangszeit gewürdigt. Aber, in jedem Stadium meines Lebens war ich gegen die Einmischung des Militärs in die Politik, gegen jeden Militärputsch. Weil ich vor 22 Jahren “Es gibt keinen Weg zurück von der Demokratie und Säkularität” sagte, wurde ich von Kreisen des politischen Islams, die damals diese Werte ablehnten und heute der Regierung nahe stehen, beleidigt. Ich stehe nach wie vor zu meinen Worten.

Meine mehr als 70 Bücher, denen meine Essays und Predigten aus meiner 40 jährigen Arbeit zu Grunde liegen, stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung. Darin gibt es keinen kleinsten Hinweis über die Legitimität eines Putsches. Ganz im Gegenteil stehen dort universelle humanitäre Werte, die die Grundlage der Demokratie darstellen.  

Die Rettung der Türkei ist durch eine Verinnerlichung der demokratischen Kultur und durch die Internalisierung einer kompetenzorientierten Staatsführung möglich. Weder ein Militärputsch, noch eine autokratische zivile Führung ist die Lösung.

Infolge von Schließung oder Bevormundung oppositioneller Medien, glaubt ein wesentlicher Teil der türkischen Bürger, nach einem Propaganda-Bombardement, leider an den Vorwurf, ich sei der Verantwortliche des 15. Juli. Doch die Weltöffentlichkeit ist besser im Stande, die Lage unter objektiven Gesichtspunkten zu betrachten und sieht deshalb sehr gut, dass eine Hexenjagd betrieben wird und die Regierenden bloß ihre eigene Macht ausweiten wollen.

Selbstverständlich ist nicht die Meinung der Mehrheit, sondern die Wahrheit aus einem fairen gerichtlichen Verfahren wichtig. Natürlich möchten die Zehntausenden an Beschuldigten und auch ich nach gerechten Verfahren freigesprochen und reingewaschen werden. Wir möchten nicht mit dieser Beschuldigung und dem Misstrauen leben. Seit 2014 ist das Justizsystem unter die Kontrolle der Politik geraten ist. Das raubt mir und den vielen Beschuldigten Hizmet-Sympathisanten die Möglichkeit, uns vor Gerichten reinzuwaschen.

Aus diesem Grund richte ich einen öffentlichen Appell an die türkische Regierung und verspreche vollständige Zusammenarbeit. Ich fordere, dass eine unabhängige und internationale Kommission den Putschversuch untersucht. Wenn sich auch nur ein Zehntel der Beschuldigungen bewahrheitet, bin ich bereit, in die Türkei zu kehren und die schwerste Strafe abzubüßen.

Die Freiwilligen in dieser Bewegung stehen seit 25 Jahren weltweit unter der Beobachtung von Hunderten Regierungen, Geheimdiensten, Forschern oder unabhängigen zivilgesellschaftlichen Akteuren und bisher wurden keinerlei illegale Aktivitäten gefunden. Das mag auch der Grund sein, weshalb viele Länder die Anschuldigungen der türkischen Regierung gegen die Hizmet-Bewegung nicht ernst nehmen.

Die größte Eigenschaft der Hizmet-Bewegung ist, dass sie kein Interesse an der politischen Macht hat, sondern sich für die zukunftsorientierte Lösung langatmiger, die Gesellschaft bedrohender Probleme einsetzt. In einer Zeit, in der die islamische Welt in einem Atemzug mit Terror, Blut und Rückständigkeit genannt wird, haben sich diese Menschen das Ziel gesetzt, gesellschaftlich engagierte, gebildete und dialogfreudige Generationen heranzubilden. Gerade weil ich der Meinung bin, dass Unwissenheit, Zwietracht und Armut zu den größten Problemen dieser Welt gehören, empfehle ich immer meinen Mitmenschen “Eröffnet Schulen statt Moscheen oder Korankurse”.

Teilnehmer der Hizmet-Bewegung sind nicht nur in der Türkei, sondern von Asien bis Afrika in weiteren 160 Ländern mit Bildungs-, Gesundheits- und humanitären Projekten aktiv. Die Besonderheit dieser Projekte ist, dass sie nicht nur für Muslime, sondern, jenseits von Ethnie und Glaube, an alle Menschen gilt. In den schwierigsten Teilen Pakistans haben Hizmet-Anhänger Schulen für Mädchen erbaut und auch während des Bürgerkriegs in der Zentralafrikanischen Republik hat der Unterricht weiter stattgefunden. Während die Boko Haram in Nigeria Mädchen entführte, haben aktive Hizmet-Sympathisanten Bildungseinrichtungen für Mädchen geschaffen. Ich habe alle Menschen, die meine Ansichten teilen und in Frankreich, sowie in französichsprachigen Ländern leben aufgefordert, sich gegen Gruppen, die ein radikales Islamverständnis vertreten einzusetzen und ihre Staatsvertreter bei diesem Einsatz zu unterstützen.

Ich wollte immer, dass Muslime eine Bereicherung für ihre Gesellschaften  darstellen und anstatt mit negativen Schlagzeilen aufzufallen, als willensstarke, freie Individuen wahrgenommen werden. Bedrohungen in Kauf nehmend habe ich etliche Male die Terrorakte von Terrororganisationen wie die des IS und die der Al-Qaida öffentlich verflucht, weil sie das ehrenvolle Ansehen des Islam beschmutzen.

Bedauerlicherweise beklagt sich die türkische Regierung nun auf internationaler Ebene über genau diese Menschen und ihre Bildungseinrichtungen, die in keinster Weise mit dem blutigen Terror des 15. Juli zu tun haben, die kategorisch gegen jegliche Gewalt sind. Deswegen appelliere ich an alle Regierungen dieser Welt, diesen anhaltslosen Anschuldigungen nicht stattzugeben und irrationale Nachfragen abzulehnen.

Schließlich sind es Institutionen wie Schulen, Krankenhäuser und Hilfsorganisationen, die geschlossen worden sind, nachdem die türkische Regierung die Hizmet-Bewegung durch eine politische Entscheidung als Terrororganisation eingestuft hat. Zehntausende Hizmet-Ehrenamtliche, die sie verhaftet haben, sind Lehrer, Unternehmer, Ärzte, Akademiker oder Journalisten. Es wurden gar keine Beweise gefunden, um diese Hunderttausende Menschen, die Opfer einer Hexenjagd geworden sind, mit der Unterstützung eines Putsches oder mit irgendeinem anderen Gewaltakt zu beschuldigen.

Die Brandstiftung eines Kulturzentrums in Paris, die Geiselnahme von Angehörigen von Leuten, die man eigentlich verhaften wollte, die fortführende Festnahme von Journalisten mit beeinträchtigtem Gesundheitszustand, die Schließung von 35 Krankenhäusern und der Hilfsorganisation “Kimse Yok Mu”, der Zwang zur Kündigung von 1500 Akademikern – das alles mit dem Putsch in Verbindung zu bringen, ist unmöglich.

Es sieht danach aus, als dass die Machthaber unter dem Vorwand Hizmet-Teilnehmer anzugehen, eigentlich jeden von staatlichen Institutionen beseitigen wollen, der ihnen keine Treue schwört und gleichzeitig will man den anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen eine eindeutige Message vermitteln.

Einschließlich der Folter, sind die Menschenrechtsverletzungen, die in den Berichten der Amnesty International zu finden sind, schauerlich. Das ist ein humanitäres Drama.

Dass der Putschversuch am 15. Juli gegen eine gewählte Regierung und diese antidemokratische Handlung durch die Unterstützung des Volkes abgewehrt werden konnte, ist ein Ereignis mit historischer Bedeutung. Allerdings ist die Verhinderung des Putschs nicht ausreichend für einen Sieg der Demokratie. Weder die Herrschaft einer Minderheit, oder die Herrschaft der Mehrheit und ihr unterdrücken der Minderheit, noch die Autokratie der Gewählten, ist die wahre Demokratie. Ohne grundlegende Menschenrechte und Freiheiten, allen voran die Rechtsstaatlichkeit, die Gewaltenteilung und die Meinungsfreiheit, kann man nicht von einer Demokratie sprechen. Für die Türkei ist der wahre Sieg der Demokratie ausschließlich durch die Wiederbelebung dieser grundlegenden Werte möglich.

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