Die Vernunftehe zwischen Erdoğan und Rodrik

Menschen, die unter normalen Umständen nicht so gut miteinander auskommen und ungern zusammen arbeiten, schaffen es unter Druck und in außergewöhnlichen Situationen unerwarteter Weise doch zu kooperieren.

Wir stehen vor genau solch einem phänomenalen Verhaltensmuster, der in die Geschichte eingehen wird und werden Zeugen von folgendem Exempel: der Vernunftehe zwischen dem Premierminister Tayyip Erdoğan und dem Professor Dani Rodrik.

Ernenne den Boten als schuldig, ziehe die Beweise für das falsche Handeln in den Schmutz

Erdoğan entscheidet sich für den Weg der Unterstellungen und den endlosen Tonaufnahmen auszuweichen anstatt in seiner momentan schwierigen Lage glaubwürdige Antworten zu liefern. Sein momentanes Motto scheint zu lauten: Ernenne den Boten als schuldig und leugne die Beweise für das falsche Handeln.

Das einzige was bleibt ist es also die anderen davon zu überzeugen, dass insgesamt rechtens gehandelt wird. Dafür gibt es nur wenige, die sich wie Dani Rodrik dafür eignen dem Leader der AKP unter die Arme zu greifen. Rodrik, der international bekannte Ökonom, leitet ein enormes Netz, das die westlichen Medien und überzeugten Spitzenführer miteinschließt.

Auch stellt Rodrik mit seiner Verwandtschaft zum pensionierten General Cetin Doğan eine wichtige Persönlichkeit dar: er ist der Schwiegersohn von Doğan, der aufgrund des „Balyoz”-Putschversuches und der Anschuldigung, dass er der Putsch-Anführer dessen ist, zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde.

Doğan – auch schon Hauptverdächtigter des Putsches vom 28. Februar 1997

Doğan ist ebenso Hauptverdächtiger des Ende Dezember begonnenen Falls über den 28. Februar, an welchem die Regierung unter Necmettin Erbakan im Jahre 1997 zum Rücktritt gezwungen wurde, weshalb dieses Datum als „postmoderner Putsch” in die Geschichte einging.

Seit seiner Inhaftierung im Jahre 2010 verfasste Rodrik zahlreiche Artikel über die angebliche Verschwörung, die seitens der Richter und Polizisten, die der Gülen-Bewegung nahestehen, gegen seinen Schwiegervater geschmiedet wird.

Rodrik zufolge waren die CDs, die im „Balyoz-Fall” als Beweis gegen Cetin und den anderen Verdächtigten verwendet wurden, manipuliert worden. In Anbetracht dessen sollte der ganze Prozess als Fälschung bewertet werden.

Das Problem ist, wie ich es schon vorher zu Schrift gebracht hatte, dass Rodrik womöglich nicht nur mit den CDs Recht hatte, sondern dass von ihm alle Beweise, die Doğans Absicht sowohl im Jahre 1997 als auch in 2003 die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen darlegen als ungenügend und als gefälschte Beweise dargestellt wurden. Beispielsweise hat niemand die Originalität der Tonaufnahme und die Erklärungen des damaligen Generalstabschefs Hilmi Özköks hinterfragt.

„Unschuldiges Opfer der Manipulation der verräterischen Gülenisten”

Obwohl Doğans antidemokratische Haltung und Absichten bewiesen wurden ist Rodrik, der die führenden amerikanischen und europäischen Interpreten mit großem Erfolg davon überzeugt hat, der Meinung, dass Dogan „unschuldiges Opfer der Manipulation der verräterischen Gülenisten” sei.

Erdoğan nutzte diese Gelegenheit und machte sich genau diesen Erfolg zum Vorteil.

Seit dem 17. Dezember haben der Leader der AK Partei und seine Berater vorgeführt, dass Rodrik nach diesen ganzen Geschehnissen womöglich Recht hat und die momentane von uns bezeugte Situation dieselbe Verschwörung in Begleitung der Korruptionsanschuldigungen gegen die AK Partei Regierung sei, das dasselbe Spiel, angeführt vom selben Führer und skrupellosen Anhängern, wiederholt wird.

Mit anderen Worten: Erdoğan versucht sein politisches Leben zu retten und benutzt Rodrik bei Bedarf, um die Korruptionsanschuldigungen zu illegitimieren.

Auf der anderen Seite stört es Rodrik nicht, dass er von Erdoğan ausgenutzt wird, da er, zumindest für diese Zeit, auch auf ihn angewiesen ist. Sein primäres Ziel ist es seinen Schwiegervater zu retten und aus dem Gefängnis zu holen. Er ist sich ebenfalls dessen bewusst, dass die Regierung sich darauf vorbereitet die Fälle „Balyoz” (und „Ergenekon”) wieder aufzurollen. Jedoch werden dieses Mal die Fälle von den Staatsanwälten geleitet, die dem neu bewilligten Gesetz der HSYK zufolge unmittelbar seitens der Regierung ernannt werden.

Erdoğan – das bessere Übel?

Sein zweites Ziel ist die Vernichtung der Gülen-Bewegung. Es ist in all seinen Artikeln deutlich zu erkennen, dass Rodrik den AKP Leader nicht mal im Geringsten leiden kann. Trotzdem ist er ihm im Gegensatz zur, von ihm tiefgründig abgeneigten Gülen-Bewegung, erträglicher.

Mit dem Aufrollen der „Balyoz”-Fälle hofft Rodrik darauf gleich zwei Erfolge zu erzielen. Erdoğans Register wird beschmutzt, denn der Leader der AKP unterstützte den Fall voller fehlerhafter Erzeugnisse von Anfang an und laut Rodrik wusste er dies.

Und dies bestätigt erneut, dass Rodrik in seiner Behauptung Recht hat, da unter der Regierung der AKP keine demokratische Entwicklung stattgefunden hat und diejenigen die das Gegenteil behaupten werden von ihm als „zweckmäßige Idioten” abgestempelt – ein Begriff, den er sich zu Nutzen macht, um die Liberalen, die die AK Partei in ihren ersten Jahren unterstützen zu beschreiben.

Die Fehler und Lücken im ersten Prozess der „Balyoz”-Ermittlungen vorzuführen und angesichts dessen speziell die Gülen-Bewegung zu beschuldigen ist der effektivsten Weg sich dem „Parallelstaat”, wie Erdoğan es zu sagen pflegt, nachdem Monate vor Erdoğan bereits Rodrik die Bewegung als „Staat im Staat” diffamierte, zu entledigen.

Es ist tatsächlich wahr, dass sobald ein eigener Profit in Aussicht steht, der größte Feind zum besten Freund werden kann.

Quelle: Joost Lagendijk – „Erdogan ile Rodrik’in mantik evliligi”, aus: zaman.com.tr, vom 02. März 2014, (Originalsprache: türkisch).

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