“Die Bedeutung von Bildung war mir schon vor Hizmet sehr wichtig”

Rukiye Canlı (Foto, Mitte), wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Bildung und Dialog, erzählt, wie ihr erster Kontakt zu der Hizmet-Bewegung entstanden ist und was ihr persönlich die Bewegung bedeutet. Die neugegründete Stiftung mit Sitz in Berlin hat das Ziel, als offizielle Ansprechpartnerin Interessierte über die Hizmet-Bewegung zu informieren.

Im DTJ-Interview spricht sie über ihre Arbeit bei der Stiftung, ihre Zeit in einer Studentinnen-WG und darüber was Sie als Deutschtürkin an der Bewegung schätzt.

Frau Canlı, was ist Ihre Aufgabe in der Stiftung Dialog und Bildung?

Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung und promoviere zum Thema „Medien der islamischen Mystik“ im Fach Medienwissenschaft an der Universität Siegen. Verantwortlich bin ich für die wissenschaftlichen Publikationen der Stiftung sowie – zusammen mit Herrn Karakoyun, dem Vorsitzenden der Stiftung – für die inhaltliche Konzeption und die Organisation von Veranstaltungen wie Tagungen, Workshops und Gesprächsrunden. Ich leite die Redaktion der Zeitschrift „DuB – Materialien zu Dialog und Bildung“, die die Stiftung herausgibt. Darüber hinaus suche ich den Austausch mit Interessierten und Partnern vorwiegend aus Gesellschaft und Wissenschaft. Mein thematischer Schwerpunkt liegt unter anderem bei den Themen der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Rolle der Frauen in der Bewegung.

Wie sind Sie selbst zur Hizmet-Bewegung gekommen?

Ich bin mit Hizmet erstmals über eine Musikveranstaltung in Dortmund in Berührung gekommen, hier ging es aber nicht konkret um die Bewegung. Kurze Zeit später wurde ich von meiner Lehrerin in der Moschee in Dortmund-Eving zu einer Veranstaltung eingeladen, auf der ein muslimischer Theologe einen Vortrag zu einem erziehungswissenschaftlichen Thema halten sollte. Mit dem Fach Pädagogik im Abitur war ich sehr daran interessiert, was denn ein muslimischer Theologe zu dem Thema zu sagen hatte. Ich kann mich erinnern, dass ich dort etwas über die Schriften Gülens vernommen, mich aber nicht wirklich für sie interessiert hatte. Zwei Jahre später (2003) habe ich einen Studienplatz in Siegen bekommen, ich musste umziehen. Wir hatten glücklicherweise Bekannte in Siegen. Wie es in der türkischen Kultur so üblich ist, fragten wir erst einmal an, bevor es mit der Wohnungssuche losgehen sollte, was sie denn empfehlen würden, oder ob sie bei der Wohnungssuche nicht behilflich sein könnten. Zur Erleichterung meiner Eltern gab uns die Bekannte zu erkennen, dass sie von einer Wohngemeinschaft in Siegen wüsste, in der Studentinnen zusammen wohnten, junge gläubige Mädchen aus „guten“ Familien, die ebenfalls zum Studieren nach Siegen gezogen waren. Sie fragte, ob ich mir vorstellen könnte, eventuell in solch eine WG einzuziehen. Ich war natürlich sehr froh, schon vorab solch eine Gelegenheit gefunden zu haben, ohne dass ich auch noch in der Studienzeit nach passenden Mitbewohnern suchen musste.

Der religiöse Charakter der WG war für Sie kein Problem?

Im Gegenteil. Das kam mir sehr gelegen, da ich selbst gläubig bin und meine religiösen Gebete verrichte.

War das ein „Lichthaus“, in das Sie eingezogen sind?

Die Bezeichnung ist irreführend. Nicht alle Bewohner der WG waren Hizmet-Akteure. Darum geht es in erster Linie auch nicht in einer Studentinnen-WG. Es sind junge Frauen, die sich als religiös definieren und Wert darauf legen, neben dem Pauken für die Uni in einer für Sie angenehmen Atmosphäre zu wohnen. Ich lernte die Studentinnen und eine Dame, die sich freiwillig um die Belange dieser kümmerte, kennen und entschied mich dazu, einzuziehen.

Wie entstand dann der Kontakt zu der Bewegung?

Ich kannte die Bewegung aus meinem Umfeld. Durch meine Aktivität in dem Verein deutsch-türkischer Akademiker (VDTA) und der Nachhilfeschule Homework intensivierte sich dieser Kontakt.

Haben Sie mit der Bewegung die Bedeutung der Bildung entdeckt?

Nein. Schon seit meinem 16. Lebensjahr, also bereits lange vor meinem Kontakt mit der Bewegung, gehörte es längst zu meinen außerschulischen Aktivitäten, Schülerinnen und Schülern Nachhilfeunterricht zu geben; unter ihnen hatte es genauso welche mit deutscher Abstammung gegeben wie auch andere, doch die Schüler türkischer Abstammung waren in der Überzahl. So deckte sich meine Bestrebung, Unterstützung im Bereich der Bildung zu leisten, mit den Bestrebungen des Hizmet-nahen Vereins. Zur Zeitung Zaman suchte ich als Studentin des Fachs Medienwissenschaften bald aus eigener Initiative den Kontakt, um praktische Erfahrungen im Bereich Printmedien zu sammeln. Nach dem Studium zog ich nach Dortmund zu meinen Eltern zurück, der Kontakt brach damit ein wenig ab. Anschließend kam – erneut an der Universität Siegen – die Promotionsphase: Während dieser Zeit hatte ich lange Forschungsaufenthalte in der Türkei, in der Schweiz und an verschiedenen Orten in Deutschland, es war eine sehr intensive Zeit, so dass ich nur wenig Zeit für den Verein hatte und meine Aktivitäten nahezu komplett einstellen musste.

Was finden Sie persönlich wertvoll an der Bewegung?

Das ich so sein kann, wie ich will, und auch andere so sein können, wie sie es wollen. Dass ich mich offen über religiöse oder allgemein gesellschaftliche Belange mit Menschen austauschen kann, die ähnliche Hintergründe haben, die Wert auf Bildung und Wissen legen und entsprechende Qualifikationen und Kompetenzen vorweisen. Die Hilfsbereitschaft untereinander ist enorm und sehr beeindruckend. Wertvoll ist auch, dass ich Betrachtungsweisen entdecke, die mich als Muslima in einer modernen westlichen Gesellschaft beschäftigen, dass ich bei Vereinbarkeitsfragen pragmatische Lösungsansätze finde, auf die ich aufbauen kann – die mir nicht das Gefühl geben, ich müsste mein Leben völlig über Bord werfen oder ein Leben in Zurückgezogenheit verbringen, um eine gute Muslima zu sein, oder das Gefühl haben, ich sei keine gute Muslima, da ich nicht in Zurückgezogenheit lebe. Ganz im Gegenteil: Es ist gut, dass ich mich mit anderen Kulturen und Religionen, Denkweisen auseinandersetzen und Wege finden muss, sie zusammenzubringen, und stets jeden mit seiner Wahrheit anzunehmen habe. Wertvoll ist zudem, dass es Leute um mich herum gibt, die sich Form ohne Essenz wie Essenz ohne Form nicht erdenken können – ebenso wie rechtmäßiges Urteilen ohne die Zusammenarbeit von Verstand und Gefühlen. Dass ich als eine muslimische Frau nicht mehr oder weniger wert bin als ein Mann, sondern dass die Wertigkeit allein an der menschlichen Qualität und entsprechenden Wohltaten zu messen ist.

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