Deutsch-Türken nach dem Putschversuch: Demos, Hassmails, Übergriffe

Ein Pulk Männer, sie schreien und grölen, treten gegen Fenster, bis eine Scheibe zu Bruch geht. Irgendwann kommt die Polizei, beruhigt mit großem Aufgebot die Lage. Szenen aus Gelsenkirchen vom vergangenen Samstag. Rund 150 Leute, mutmaßlich Deutsch-Türken, sind vor einen Jugendklub gezogen, der der Bewegung um den konservativen Prediger Gülen nahestehen soll. Ein Video dokumentiert den Angriff.

Es ist nicht der einzige Vorfall dieser Art, das zumindest beklagt Erkan Karakoyun, Vorsitzender der ”Stiftung Dialog und Bildung”, das Sprachrohr der Gülen-Bewegung in Deutschland. “In mehreren anderen Städten gab es Steinwürfe auf Gebäude von Gülen-Einrichtungen”, sagt Karakoyun. Darüber hinaus seien seit Samstag zahlreiche Hassmails und Drohanrufe eingegangen. Er habe Nachrichten bekommen, dass türkische Organisationen dazu aufforderten, jeden Gülen-Anhänger auch in Deutschland zu melden.

Der Hintergrund der Attacken: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seinen Erzfeind, den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen als Drahtzieher des gescheiterten Putschversuchs auserkoren.

Tausende gingen für Erdogan auf die Straße 

Die Angriffe auf Gülen-Einrichtungen sind nur ein Beispiel dafür, wie emotionalisiert und aufgeladen die Stimmung unter Deutsch-Türken ist, und das, obwohl viele hier geboren sind, ihre Familien seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Die Sorge ist groß, dass der Konflikt in der Türkei auch auf hiesigen Straßen ausgetragen werden könnte.

Tausende Anhänger Erdogans haben am Wochenende in deutschen Städten demonstriert, schwenkten türkische Flaggen, zeigten Erdogan-Bilder – in Berlin, Essen, München, Hamburg oder Frankfurt. Diese Kundgebungen verliefen nach Angaben der Polizei friedlich. “Aber sie zeigen, wie wenig integriert türkischstämmige Menschen hier noch immer sind, wie viel mehr sie sich für politische Ereignisse in der Türkei als für jene in Deutschland interessieren, wie viel sensibler sie darauf reagieren”, sagt Kazim Erdogan, der als Psychologe in Berlin-Neukölln arbeitet.

Während die Kundgebungen meist ruhig verliefen, entlädt sich in den sozialen Netzwerken der Hass. Nach den Anfeindungen auf türkischstämmige deutsche Politiker im Streit um die Armenien-Resolution des Bundestags droht die nächste Eskalationsstufe.

Die deutsch-türkische Juristin Seyran Ates war am Sonntag zu Gast in der ARD-Talkshow “Anne Will” und beschrieb dort unter anderem die polarisierte Stimmung in der Türkei. Am Tag danach wird die bekannte Anwältin, die während ihres Studiums in Deutschland von türkischen Nationalisten angegriffen und schwer verletzt wurde, auf Facebook als “Hure”, als “Schlampe”, als “Islam”- und “Türkei-Feindin” beschimpft.

Vorsitzender der Türkischen Gemeinde ruft zu Mäßigung auf

Ates beurteilt die Stimmung in der türkischen Community in Deutschland dramatisch. Die Atmosphäre hier sei “noch gefährlicher” als in der Türkei. Persönliche Erfahrungen mit Diskriminierung machten gerade Anhänger der AKP noch empfänglicher für Stimmungsmache aus der Heimat. “Die verfehlte Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte schlägt jetzt zurück, jeder steht auf einer Seite, es gibt keine Grautöne mehr”, sagt Ates.

Ähnlich sieht es auch der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak: “Jeder lebt in seinem ethnisch-politischen Getto, die Menschen sind verfeindet. Nach dem Putschversuch halte ich die Gefahr für sehr groß, dass sich die Spannungen in der deutsch-türkischen Community weiter verschärfen.”

Für Aufregung in den sozialen Netzwerken sorgt ein Beitrag, den die bekannte Berliner Bloggerin, Juristin und Kopftuchträgerin Betül Ulusoy auf Facebook gepostet hat. “Bevor der Putsch losging, ist er gescheitert, aber alles hat einen Segen, jetzt können wir ein wenig Dreck säubern”, so etwa lässt sich der Post übersetzen.

Ulusoy fühlt sich absichtlich missverstanden. Das Wort “säubern” habe im Türkischen eine andere Konnotation als im Deutschen. Sie habe gemeint, es sei “gut, dass jetzt im türkischen Militär ‘die Spreu vom Weizen getrennt’ wird: Diejenigen, die eine Militärdiktatur gutheißen und diejenigen, die das Militär und damit ihre Funktion im Militär als einen Teil des demokratischen Geflechts verstehen, wie es sein muss.”

Auch Ulusoy befürchtet, dass die ohnehin schon tiefen Gräben in der türkischen Community in Deutschland nach dem Putschversuch noch tiefer werden. “Ich finde es zum Beispiel schlimm, dass man, wenn man gegen den Putsch ist, automatisch als Erdogan-Anhänger gilt”, schreibt Ulusoy.

Viele Deutsch-Türken seien in Aufruhr, betrachten die Situation in der Türkei entweder mit Freude oder mit großer Sorge – so wie er selbst, sagt Gökay Sofuoglu, Chef der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Er ruft zur Mäßigung auf: “Wir haben hier in Deutschland die Möglichkeit uns friedlich und demokratisch zu äußern, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.”

Sofuoglu möchte nicht glauben, dass die Atmosphäre in der deutsch-türkischen Community noch schlimmer wird. “Weil es schon so schlimm ist”, sagt er.

Quelle (News und Bild): http://www.spiegel.de/politik/deutschland/tuerkei-putschversuch-befeuert-spannungen-zwischen-deutsch-tuerken-a-1103478.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=

 

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