Aleviten-Sunniten: Es gibt keine Alternative zum Dialog

Aleviten und Sunniten – Es gibt keine Alternative zum Dialog

Zwischen den Aleviten und Sunniten gibt es tiefe Gräben. Das war schon zwischenzeitlich im Osmanischen Reich so; sie verstärkten sich aber nach der Gründung der Republik. Um diese zu überwinden, kann es nur einen Weg geben, meint Ercan Karakoyun.

Bereits in den frühen 90er Jahren setzte sich Fethullah Gülen für den interreligiösen und innermuslimischen Dialog ein. Besonders gegenüber der alevitischen Gemeinde bekundete er nach den Ereignissen in Gazi/Istanbul seine Solidarität. Welche Position Fethullah Gülen im Bezug zum Alevitentum einnimmt, können Sie in diesem Kommentar lesen.

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Fethullah Gülen und das Alevitentum

Aleviten und Sunniten – Es gibt keine Alternative zum Dialog

Zwischen den Aleviten und Sunniten gibt es tiefe Gräben. Das war schon zwischenzeitlich im Osmanischen Reich so, sie verstärkten sich aber nach der Gründung der Republik. Um diese zu überwinden, kann es nur einen Weg geben, meint Ercan Karakoyun.

Von Ercan Karakoyun

MEINUNG Alle Menschen, die mit Andersartigkeit auffallen, erfahren Diskriminierungen in der Türkei. Neben Kurden, Christen, Juden und Armeniern gilt das besonders auch für Aleviten.

Die Geschichte der Aleviten in der Türkei ist nämlich eine Leidensgeschichte. Staatliche Diskriminierung erfolgte sowohl zur osmanischen als auch zur modernen türkischen Zeit.

Sie setzt sich bis heute fort. Tragischer Höhepunkt in der modernen Türkei war 1938 die Zerstörung der alevitischen Provinz Dersim, die tausende Todesopfer forderte. Hinzu kamen die Pogrome in Kahramanmaraş 1978 und Çorum 1980 sowie das Massaker von Sivas am 2. Juli 1993, bei dem, während eines alevitischen Festivals, ein Hotel in Brand gesetzt wurde, in dessen Folge 37 Menschen starben. Damit derartiges nicht mehr passiert, ist es erforderlich einen sensiblen innermuslimischen Dialog zwischen Aleviten und Sunniten zu stärken.

Seit Jahrzehnten engagiert sich die Hizmet-Bewegung(Gülen-Bewegung) weltweit im interreligiösen Dialog. Der Mentor der Hizmet-Bewegung, Fethullah Gülen, hat diesen Dialog in der Türkei begonnen. Im Jahre 1996 traf er sich mit dem griechisch-orthodoxen Ökumenischen Patriarchen Bartholomeos. Wenige Jahre später besuchte er Papst Johannes Paul II. und traf sich mit dem Oberrabbiner der sephardischen Juden Israels, Eliyahu Bakshi-Doron. Viele weitere Treffen, Gespräche und Projekte mit Vertretern der Minderheiten in der Türkei folgten. Die Botschaft, die gegeben wurde, war immer die selbe: Liebe und Akzeptanz.

Gülens Einsatz für die Aleviten

Auch im Dialog zwischen Aleviten und Sunniten hat Fethullah Gülen in diesen Jahren eine Vorreiterrolle übernommen. Als am 12. März 1995 bei den Ereignissen im Istanbuler Stadtteil Gazi 15 Aleviten durch die Polizei getötet wurden, hatte Gülen das Vorgehen der Polizei kritisiert und aus Solidarität die Botschaft veröffentlicht, auch er sei Alevite, genauso wie seine Mutter und auch sein Vater.

Im Jahre 1998, also als in der Türkei noch kaum jemand vom Bedarf eines sunnitisch-alevitischen Dialogs sprach, betonte Gülen in seiner Botschaft an die für Aleviten sehr bedeutende Ahl-al-Bayt-Versammlung die Notwendigkeit eines Dialogs. Seine Botschaft an diese größte Versammlung der türkischen und kurdischen Aleviten kann als erster Versuch eines sunnitischen Gelehrten gesehen werden, nach Jahrzehnten der gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vorurteile einen Dialog zu beginnen.

Der alevitsch-sunnitische Dialog ist auch Thema in Gülens neuem Buch „Was ich denke, was ich glaube“. Gülens Ansicht nach könne das Alevitenthema nur dann gelöst werden, wenn man alternative Auslegungen des Islams nicht ablehnt.

Es müssten Gelegenheiten geschaffen werden, bei denen sich Aleviten und Sunniten kennenlernen können. Nur so könne man, so Gülen, die seit Jahrzehnten andauernde Entfremdung beenden. Gülen sieht das Alevitentum als eine Quelle des Reichtums an, die auch Sunniten verwerten können. Ein gegenseitiges und intensiveres Kennenlernen bilde eine Ebene, von der beide Seiten profitieren können. Dazu müssten sich die Aleviten den Sunniten und die Sunniten den Aleviten gegenüber öffnen.

Was ist das Alevitentum?

Das Alevitentum, so Gülen, basiere auf mündlichen und schriftlichen Überlieferungen. Die schriftlichen Quellen des Alevitentums seien nicht sehr weit verbreitet. Alevitische Gelehrte und Wissenschaftler sollten daher für das Zusammentreffen der schriftlichen Quellen mit den jungen Generationen sorgen.

Als Zeichen des alevitisch-sunnitischen Zusammenhalts sollten Moscheen und Cem-Häuser nebeneinander erbaut werden. Das sei auch früher die Praxis im Osmanischen Reich gewesen: eine Moschee neben einer Kirche und daneben eine Synagoge. Dies seien wichtige Maßnahmen, durch die die Feindschaften und die verhärteten Fronten, die fern von jeglicher Vernunft entstanden sind, aufgelöst werden können.

Mit der Gründung der Republik wurde auch die Religionsbehörde Diyanet gegründet. Gülen zufolge sollten Aleviten in ihren Cem-Häusern ihre Gebete entsprechend der alevitischen Vorgaben leiten können. Falls die Aleviten sich als eine Konfession verstehen, sollten sie einen entsprechenden Status wie Armenier, Griechisch-Orthodoxe, Protestanten oder Baptisten verlangen. Nehmen sie sich als einen muslimischen Orden wahr und berufen sich auf den Weg von Hacı Bektaş-ı Veli, können sie diesen Status verlangen.

Eines steht fest: Zwischen Sunniten und Aleviten gibt es tiefe Gräben. Die Leidensgeschichte der Aleviten, gegenseitige Vorurteile und Verurteilungen, unterschiedliche Auslegungen der Religion und Assimilationsversuche der türkischen Regierungen haben ihre Spuren hinterlassen. Umso wichtiger ist es, in Deutschland, in einem Land, dass einen reflektierenden selbstkritischen Umgang mit Verbrechen in der Geschichte hat, einen Dialog zwischen Aleviten und Sunniten zu starten. Vielleicht kann dieser zu Rückkopplungen in der Türkei führen und dort einen positiven Effekt auf das Zusammenleben dort haben. Auch hier gibt es also keine Alternative zum Dialog.

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